
Interview: Diagnose von Alzheimer und Parkinson – Blut eine Nasenlänge voraus
Ein früher diagnostischer Test für eine Vielzahl von neurodegenerativen Erkrankungen ist zwar immer wieder in den Schlagzeilen, doch ebenso schnell ebbt das Medienecho wieder ab, weil die Lage komplex ist. Neben Liquor und Blut mischt sich nun das Nasensekret als neue Quelle für frühe Biomarker ins Spiel ein.
Ein früher diagnostischer Test für eine Vielzahl von neurodegenerativen Erkrankungen ist zwar immer wieder in den Schlagzeilen, doch ebenso schnell ebbt das Medienecho wieder ab, weil die Lage komplex ist. Neben Liquor und Blut mischt sich nun das Nasensekret als neue Quelle für frühe Biomarker ins Spiel ein. |transkript sprach dazu mit Dr. Peter Fruhstorfer, CEO des Münchner Start-ups Noselab GmbH. Entnommen ist das Interview unserem Magazin |transkript 2-2026, das als Titelstory den „Neuen Weg ins Gehirn“ für Diagnostik und Therapie ausleuchtete.
transkript: Herr Fruhstorfer, es tut sich derzeit viel in der Diagnostik neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere bei Bluttests zur Erkennung früher Krankheitsstadien. Wie würden Sie den aktuellen Stand beschreiben – und warum sollte ausgerechnet die Nase diesem Feld neuen Schwung verleihen?
Peter Fruhstorfer: Die Fortschritte bei Bluttests sollte man unbedingt würdigen. Es geht nicht darum, wer etwas besser macht. Viele dieser Ansätze werden ihren Platz finden, denn wir brauchen angesichts der demografischen Entwicklung dringend bessere Möglichkeiten, neurodegenerative Erkrankungen zu erkennen und zu kontrollieren. Wir arbeiten an Lösungen zur Standardisierung und Normalisierung der Messungen aus dem Nasensekret. Diese Herausforderungen sehen wir sehr klar. Unser Ziel ist es, den Nasentest als Alternative oder Ergänzung zu bestehenden Verfahren zu qualifizieren.
transkript: Die Nase scheint nun plötzlich in den Fokus zu rücken. Warum erst jetzt?
Fruhstorfer: Ganz neu ist die Nasen-Hirn-Achse nicht. Zugelassene Medikamente nutzen diesen Weg bereits, etwa in der Schmerztherapie. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind allerdings noch nicht vollständig verstanden. Mithilfe von Tracern lässt sich heute der Austausch von Biomolekülen in beide Richtungen nachvollziehen. Dieses Phänomen ist inzwischen gut belegt. Der große Vorteil liegt in der risikoarmen Probennahme oder Wirkstoffapplikation. Das spielt insbesondere bei longitudinalen Untersuchungen und beim Monitoring klinischer Studien eine wichtige Rolle.
transkript: Wie bewerten Sie Blut als Probenmaterial für diese Aufgabe?
Fruhstorfer: Das Blut wird durch die Blut-Hirn-Schranke vom Gehirn getrennt. Das ist eine grundsätzliche Limitierung, wenn man Prozesse im Gehirn direkt erfassen möchte. Wir sehen deshalb den direkten Drainageweg über die Riechspalte als deutlich vorteilhafteren Zugang. Dort erhalten wir wesentlich näheren Einblick in Vorgänge des zentralen Nervensystems.
transkript: Ist genau das eines der großen Probleme der heutigen Forschung?
Fruhstorfer: Ja. Für viele neurodegenerative Erkrankungen existieren unterschiedliche Hypothesen. Das liegt auch daran, dass wir bislang nur eingeschränkt beobachten können, was tatsächlich passiert. Wir wissen oft nicht eindeutig, was Ursache und was Wirkung ist. Warum funktionieren Ansätze im Tiermodell, scheitern aber später am Patienten? Wann kippt der Zustand von gesund zu krank? Gibt es unterschiedliche Krankheitswege, die zu ähnlichen Symptomen führen? Viele dieser Fragen sind noch offen.
transkript: Müssen wir also noch einmal ganz von vorne anfangen und hoffen, dass die Nase uns die große Erleuchtung bringt?
Fruhstorfer: So weit würde ich nicht gehen. Bei Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose wissen wir bereits sehr viel. Aber viele Puzzleteile ergeben noch kein vollständiges Bild. Gerade die frühe Diagnostik wird weitere Fragen aufwerfen, solange wir die natürlichen Prozesse im alternden Gehirn nicht besser verstehen. Unser Ansatz eröffnet hier neue Möglichkeiten. Wir können im Nasensekret Hunderte der Biomarker aus dem Gehirn detektieren. Damit können wir erstmals sehr viele Puzzleteile gleichzeitig betrachten. Das große Bild daraus zu entwickeln, bleibt allerdings eine enorme Aufgabe.
transkript: Eine große Zahl an Biomarkern kann aber auch neue Unübersichtlichkeit schaffen. Wie gehen Sie damit um?
Fruhstorfer: Zunächst hilft es, wenn man überhaupt einige Hundert Marker zuverlässig erfassen und analysieren kann. In einer Studie mit rund 500 Proben konnten wir detailliert zeigen, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Diese Grenze ist nicht schwarz-weiß, aber sie ist erkennbar. Das sehen wir als wichtigen klinischen Meilenstein.
Spannend ist für uns vor allem, dass wir Krankheitssignaturen identifizieren und deren Dynamik nachvollziehen können. Bluttests werden dadurch nicht überflüssig. Wenn solche Tests verfügbar sind, werden sie selbstverständlich eingesetzt werden.
Unsere Methode liefert jedoch zusätzliche Sicherheit, weil wir nicht nur einzelne Marker betrachten, sondern Muster, Verläufe und Wechselwirkungen. Ein Liquortest ist letztlich eine Momentaufnahme. Ob Bluttests ein langfristiges Monitoring erlauben, muss sich erst noch zeigen. Bereits wenn künftig weniger Liquorpunktionen nötig wären, wäre das für Patienten ein Gewinn. Die Patientenreise könnte deutlich einfacher werden. Heute vergehen nach einer ersten Diagnose oft viele Monate bis zu einer Bestätigung. Diese Wartezeit belastet die Betroffenen erheblich.
transkript: Welche Bedeutung hat das für die Pharmaindustrie?
Fruhstorfer: Eine sehr große. Wir machen bereits Fortschritte in der Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen, die Dynamiken bestimmter Stoffwechselwege untersuchen möchten. Durch die einfache Probennahme können wir auch gesunde Freiwillige in Studien einbeziehen, die für andere Verfahren kaum zugänglich wären.
Alzheimer ist derzeit unser Schwerpunkt, die Plattform lässt sich aber ebenso auf Parkinson, ALS und Multiple Sklerose anwenden. Darüber hinaus betrachten wir pharmakokinetische Fragestellungen bis hin zu onkologischen Anwendungen.
Für viele Pharmaunternehmen kommt die Diagnostik bei Alzheimer heute noch zu spät. Die vorhandenen Medikamente wirken dann oft nicht ausreichend oder nur in Kombination. Dadurch wird es schwierig zu verstehen, welche Mechanismen tatsächlich relevant sind. Die Pharmaindustrie sucht deshalb intensiv nach Möglichkeiten einer deutlich früheren Diagnostik. Ich bin nicht sicher, ob sich alle dafür notwendigen Biomarker im Blut finden lassen werden, weil sie dort möglicherweise nur in sehr geringen Konzentrationen vorkommen.
transkript: Ist Standardisierung damit auch für Sie ein zentrales Thema?
Fruhstorfer: Ja. Wir positionieren uns gewissermaßen zwischen Diagnostik- und Pharmaunternehmen und wollen beiden Seiten einen Mehrwert bieten. Wir haben inzwischen eine Spezialexpertise und eine entsprechende Patentlandschaft aufgebaut. Damit können wir ein wichtiger Partner der Wirkstoffentwicklung werden.
Natürlich stellt sich immer die Frage: Was bringt frühe Diagnostik dem einzelnen Menschen tatsächlich? Dafür müssen wir die Erkrankungen besser verstehen und nachvollziehen können, welche Faktoren ihren Verlauf beeinflussen oder möglicherweise verlangsamen. Die heute sichtbaren Plaques oder Proteinfehlfaltungen entstehen nicht plötzlich, sondern entwickeln sich über viele Jahre. Ihre Ursachen sind noch nicht verstanden. Mit dem Zugang über das Nasensekret können wir hier ein neues Fenster öffnen und deutlich früher Einblicke gewinnen.
transkript: Sie sind ein vergleichsweise kleines Start-up mit einer sehr großen Mission. Wie bringen Sie Fokus und Breite unter einen Hut?
Fruhstorfer: Das sind tatsächlich die Fragen, die mich auch mitten in der Nacht beschäftigen. Unsere Forscherinnen und Forscher um Mareike Albert, Thomas Heydler und Marion San Nicoló haben Nasensekret als neue Probenklasse in die Anwendung gebracht. Daraus ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten. Das ist gleichermaßen Chance und Herausforderung. Mit Alzheimer, Parkinson und MS haben wir bereits Schwerpunkte gesetzt.
Als nächsten wichtigen Schritt sehen wir die Gleichstellung unseres Verfahrens mit dem heutigen Liquorstandard. Danach wollen wir verstärkt als Servicepartner auftreten und gezielt Biomarker analysieren und validieren. Parallel bauen wir eine Biobank mit Nasensekret- und Blutproben auf. Eine solche Sammlung existiert bislang nicht. Die daraus entstehenden Daten können für spätere Studien äußerst wertvoll sein.
transkript: Was begrenzt Sie derzeit stärker – die Finanzierung oder die Größe der Aufgabe?
Fruhstorfer: Beides hängt zusammen. Die Finanzierung radikal neuer Ansätze bleibt schwierig. Mit großen Langzeitkohorten könnte man enormes Wissen für die Vorhersage von Krankheitsverläufen gewinnen. Dafür braucht man allerdings erhebliche finanzielle Mittel.
In den USA hat man uns kürzlich gesagt, wir hätten eine neue Entscheidungsmaschine in der Hand. Mich überrascht, wie schnell unser Ansatz dort verstanden wird. Solche Rückmeldungen hört man in Deutschland deutlich seltener. Dabei können wir helfen, Risiken aus Entwicklungsprogrammen herauszunehmen. Amerikanische Gesprächspartner sagen uns offen, dass wir für solche Vorhaben vermutlich eher dort Kapital finden werden als in Europa.
transkript: Damit sind wir wieder einmal beim Thema Europa und USA.
Fruhstorfer: Diesen Unterschied im Mindset kann ich allein nicht auflösen. Umso mehr hat es uns gefreut, dass die SPRIND unseren Ansatz als förderwürdig eingestuft und uns einen Validierungsauftrag erteilt hat. Darauf bin ich wirklich stolz. Das Verfahren war schnell und pragmatisch. Allerdings reichen solche Mittel naturgemäß nicht sehr weit.
transkript: Wo suchen Sie deshalb nach weiterem Kapital?
Fruhstorfer: Wir sprechen mit Stiftungen wie der Michael J. Fox Foundation, mit langfristig orientierten Venture-Capital-Investoren und natürlich auch mit Investoren in den USA.
transkript: Wo fanden Sie die Partner zur Entwicklung Ihrer Technologie, die ja etwas ganz Neues darstellt?
Fruhstorfer: Das Ökosystem im Raum München ist hervorragend aufgestellt. Forschungseinrichtungen, Kliniken und Industrie bilden hier einen echten Hotspot. Kapital wäre grundsätzlich vorhanden. Es findet allerdings noch zu selten den Weg in die Gesundheitswirtschaft, die letztlich ein globaler Markt ist.
Deshalb ist es sinnvoll, früh internationale Kontakte aufzubauen, ohne die eigenen Wurzeln aufzugeben. Wir brauchen größere Netzwerke, weitere Anwender und zusätzliche Unterstützer. Das lässt sich nicht allein regional lösen. Zugleich haben wir die großen Diagnostikplattformen von Anfang an mitgedacht. Unsere heutige Basis ist noch nicht vollständig automatisiert, aber wir kennen die Stellschrauben für die Skalierung und bereiten uns darauf vor.
transkript: Spüren Sie bereits eine Nachfrage nach Ihrem Ansatz?
Fruhstorfer: Ja, das Interesse ist groß. Die demografische Entwicklung macht den Bedarf sehr deutlich. Das Thema hat hohe Relevanz, wird aber gesellschaftlich noch nicht hoch genug priorisiert.
Gleichzeitig gab es in diesem Feld auch viele Rückschläge. Große Durchbrüche sind bislang selten geblieben. Wir sehen uns deshalb nicht als Teil der Vergangenheit dieses Bereichs, sondern als Teil seiner Zukunft. Wenn einige zentrale Akteure das ähnlich sehen, können wir bei einem dringend benötigten Aufbruch mitwirken.
transkript: Es ist unsere Standardfrage im Augenblick, den globalen geopolitischen Umständen geschuldet: Welche Rolle kann China für Ihre Pläne spielen?
Fruhstorfer: Ich habe für verschiedene Unternehmen in China Geschäftsfelder entwickelt, Kunden gesucht und gefunden und dort sehr positive Erfahrungen gemacht. China ist für uns eindeutig ein interessanter Markt und wird in der Therapieentwicklung künftig eine wichtige Rolle spielen. Konkret sind wir im Fernen Osten noch nicht aktiv, aber das Thema steht weit oben auf unserer Agenda. Unser Ansatz würde sehr gut zu den Entwicklungen passen, die wir dort beobachten.
Hier geht es zum gesamten Magazin 2/26, beziehungsweise den Möglichkeiten, wie Sie dieses erhalten können.

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